Warum Solidarität unter Frauen so wichtig ist

Warum ist Solidarität unter Frauen manchmal schwer?
Ich habe in den letzten Tagen über zwei Geschichten nachgedacht, die auf den ersten Blick gar nicht zusammengehören. Die eine spielt auf einem Basketballplatz, die andere auf einer Demonstration. Die eine handelt von einer Sportlerin, die mit einer kleinen Geste eine große Diskussion ausgelöst hat, die andere von einer Reporterin, die versucht hat, ihre eigenen Grenzen zu verteidigen. Und trotzdem erzählen beide Geschichten für mich etwas sehr Ähnliches. Sie erzählen davon, was passiert, wenn eine Frau laut wird. Wenn eine Frau sagt: „Hier stimmt etwas nicht.“ Wenn eine Frau nicht einfach lächelt, schweigt und weitermacht.
Die eine Geschichte dreht sich um eine Basketballerin und eine Szene auf dem Basketballplatz. Es war nur eine kleine Bewegung, ein erhobener Zeigefinger, eine Geste, die nur 22 Sekunden gedauert hat und trotzdem eine enorme Reaktion ausgelöst hat. Danach wurde viel über sie gesprochen, sie wurde kritisiert und angegriffen, während gleichzeitig immer mehr sichtbar wurde, wofür sie eigentlich steht: gegen Mobbing, für Frauenrechte, für Gleichberechtigung und dafür, dass Frauen nicht einfach alles hinnehmen müssen, was ihnen begegnet.
Was mich daran beschäftigt, ist nicht nur die Frage, ob jeder ihre Meinung teilen muss. Natürlich dürfen Menschen unterschiedliche Ansichten haben, gerade bei schwierigen gesellschaftlichen Themen. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes: Warum wird eine Frau, die eine Diskussion anstößt, so schnell persönlich angegriffen? Warum wird aus einer Auseinandersetzung über ein Thema so oft ein Angriff auf die Person? Warum wird aus „Ich sehe das anders“ so schnell „Du bist falsch“?

Jacob Lund/Shutterstock.com
Und dann sehe ich dieses andere Video. Eine Reporterin steht bei einer Demonstration und interviewt einen älteren Mann. Während des Gesprächs sagt sie mehrfach, dass er sie nicht anfassen soll. Sie setzt eine Grenze. Sie wiederholt diese Grenze. Doch statt diese einfache Bitte zu respektieren, wird die Situation weiter provoziert. In dem Video fällt schließlich eine Aussage: „…on the ground and rape her because I have rights.“ Sinngemäß übersetzt heißt es: „…schmeiße ich sie auf den Boden und vergewaltige sie, denn ich habe Rechte.“
Ich musste dieses Video mehrfach ansehen, weil ich kaum glauben konnte, was ich gehört hatte. Aber so erschütternd diese Aussage auch war, etwas anderes hat mich fast genauso beschäftigt: die Reaktionen der Menschen daneben. Nicht nur die Worte dieses Mannes, sondern auch das Schweigen, das Relativieren, das Wegsehen.
Eine Frau die zusah, sagte sinngemäß: Niemand hat dich angefasst. Eine andere Frau, nachdem die Reporterin erzählt, was gesagt wurde, antwortet: Nein, das hat er nicht gesagt. Die Reporterin läuft ihr hinterher und fragt immer wieder: Warum glaubst du mir nicht? Warum unterstützen wir Frauen uns nicht? Warum halten wir nicht zusammen?
Diese Fragen sind es, die mich nicht mehr losgelassen haben.
Beide Geschichten führen zu einer grundlegenden Frage: Warum fällt Solidarität unter Frauen manchmal so schwer? Warum stehen wir uns in manchen Situationen nicht automatisch bei, obwohl viele Frauen ähnliche Erfahrungen mit Ausgrenzung, Bewertung oder Ungleichbehandlung kennen?
Wenn eine Frau aufsteht und sagt: Hier stimmt etwas nicht
Diese Szene auf dem Basketballplatz war keine grundlose Provokation. Es war kein beliebiger Moment, in dem eine Spielerin einfach Aufmerksamkeit wollte. Hinter dieser Geste stand eine Situation, die sie gegenüber einer Teamkollegin als ungerecht empfunden hat. Ein erhobener Finger, eine Bewegung von wenigen Sekunden, wurde zu einem Symbol dafür, dass eine Frau nicht einfach schweigen wollte, sondern sich für eine andere Frau eingesetzt hat.
Wenn wir zurückblicken, müssen wir uns bewusst machen, wie jung viele Rechte sind, die für Frauen heute selbstverständlich wirken. Frauen durften lange nicht selbst über ihr Vermögen entscheiden, keine eigene Stimme in der Politik haben, nicht frei über ihr Leben bestimmen, nicht selbstverständlich die gleichen Bildungs- und Berufsmöglichkeiten nutzen. Frauen mussten sich anpassen, um akzeptiert zu werden, sie mussten funktionieren und sie mussten leise sein.
Eine Frau, die gegen eine Erwartung verstieß, riskierte nicht nur Ablehnung, sondern konnte ihre Sicherheit, ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Kinder, ihre Existenz und gar ihr Leben verlieren. Und in einigen Ländern ist das auch heute noch so.

Jacob Lund/Shutterstock.com
Diese Geschichte verschwindet nicht einfach, nur weil Gesetze sich verändern. Sie lebt manchmal in unseren Reaktionen weiter. Denn wenn Frauen über Generationen gelernt haben, dass Auffallen gefährlich sein kann, dann wird verständlich, warum manche Frauen es ablehnen, wenn eine andere Frau laut wird oder Grenzen zieht.
Ein weiterer Grund liegt im sozialen Lernen. Menschen lernen nicht nur durch eigene Erfahrungen, sondern auch dadurch, was sie bei anderen beobachten und welche Konsequenzen sie sehen. Frauen haben über Generationen erlebt, dass es riskant sein kann, für andere Frauen einzustehen.
Dadurch kann sich ein Muster entwickeln: Wenn eine andere Frau angegriffen wird, entsteht nicht automatisch der Impuls, sich neben sie zu stellen, sondern manchmal zuerst die Frage: Ist es sicher für mich, wenn ich mich einmische? Werde ich dann auch kritisiert? Werde ich selbst zur Zielscheibe? Werde ich mit ihr verbunden und ebenfalls abgewertet?
Wir haben gelernt, dass Schweigen manchmal weniger gefährlich wirkt als Widerspruch, dass Wegsehen manchmal einfacher erscheint als Eingreifen.
Nach der Geste der Basketballerin und ihrem Interview entstand keine ruhige Auseinandersetzung über unterschiedliche Sichtweisen. Es entstand eine Welle von Kritik, Angriffen und Mobbing, selbst auf dem Spielfeld. Sie wurde persönlich angegriffen, ihr wurden Dinge unterstellt und sie wurde in eine Schublade gesteckt, obwohl sie selbst betont hat, dass sie niemanden hasst, dass sie Liebe verbreiten will, dass es ihr nicht darum geht, andere Menschen abzuwerten, sondern darum, über Frauenrechte zu sprechen und junge Mädchen im Sport zu schützen.
Was mich daran beschäftigt, ist nicht, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Eine Gesellschaft lebt davon, dass wir diskutieren können. Was mich beschäftigt, ist die Art und Weise, wie schnell eine Frau, die eine schwierige Frage anspricht, nicht mehr als Mensch gesehen wird, sondern als Gegnerin.
Und genau hier entsteht eine Verbindung zu dem Video der Reporterin. Auch dort sehen wir eine Frau, die sagt: Meine Grenze wurde überschritten. Auch dort sehen wir eine Frau, die nicht einfach lächelt und die Situation beendet, sondern ausspricht, was passiert. Und auch dort erleben wir, wie schwer es manchmal für Frauen ist, Unterstützung zu bekommen, wenn sie unbequem werden.
Vielleicht ist das eine der schmerzhaftesten Erkenntnisse: Nicht immer werden Frauen nur von Männern zum Schweigen gebracht. Manchmal stehen auch Frauen daneben und sagen nichts. Manchmal zweifeln sie. Manchmal stellen sie sich sogar gegen die Frau, die gerade Schutz oder Unterstützung braucht.

WeAre/Shutterstock.com
Warum suchen wir bei Frauen so oft die Schuld?
Wir kennen alle diese Muster. Ein Mann geht fremd und plötzlich wird über die andere Frau gesprochen. Sie ist die Schlampe, sie hat die Beziehung zerstört, sie hätte ihre Finger von ihm lassen sollen. Der Mann, der eine Entscheidung getroffen hat, verschwindet erstaunlich oft aus der Geschichte.
Eine Frau erlebt sexualisierte Gewalt und plötzlich werden Fragen gestellt: Was hatte sie an? Warum war sie dort? Warum war sie alleine unterwegs? Warum hat sie nicht früher reagiert? Warum hat sie sich nicht stärker gewehrt?
Diese Fragen wirken manchmal wie der Versuch, eine Erklärung zu finden. Aber sie verschieben die Verantwortung. Sie lenken den Blick weg von dem Menschen, der eine Grenze überschritten hat, hin zu der Frau, die betroffen ist.
Warum machen wir Frauen das?
Ein Teil der Antwort liegt in etwas, das Psychologen als internalisierte Misogynie beschreiben. Es bedeutet, dass wir gesellschaftliche Vorstellungen über Frauen so stark aufgenommen haben, dass wir sie manchmal selbst weitertragen, ohne es zu merken.
Wir wachsen in einer Welt auf, in der Frauen oft miteinander verglichen werden. Wer ist schöner? Wer ist erfolgreicher? Wer ist begehrenswerter? Wer ist die bessere Mutter? Wer ist die bessere Partnerin? Schon Mädchen lernen häufig, dass Anerkennung begrenzt ist, dass es nicht genug Plätze gibt, dass jemand verlieren muss, wenn jemand anderes gewinnen will. Und wenn wir über Jahre lernen, dass andere Frauen unsere Konkurrenz sind, dann wird es schwerer, sie als Verbündete zu sehen.
Eine andere Frau bekommt eine Chance, und statt sofort Freude zu empfinden, kommt zuerst ein kleiner Stich. Warum sie? Warum nicht ich? Was macht sie anders? Das ist menschlich. Aber es zeigt auch, wie tief dieses Konkurrenzdenken sitzt.
Warum glauben wir es gibt nicht genug für uns alle?
Ein großes Thema ist dieses Gefühl von Knappheit. Dieses Denken: Es gibt nur wenige Plätze für erfolgreiche Frauen, nur wenige Führungspositionen, nur wenige Möglichkeiten, gesehen zu werden und nur wenige Chancen, Anerkennung zu bekommen.
Wenn wir glauben, dass Erfolg ein Kuchen ist, von dem andere Frauen uns ein Stück wegnehmen, dann entstehen Rivalität und Misstrauen. Über viele Jahre haben Frauen Botschaften erhalten, dass sie miteinander konkurrieren müssen, dass nur wenige Frauen sichtbar sein dürfen, dass nur wenige Frauen Anerkennung bekommen können. Dadurch entsteht das Gefühl, dass die andere Frau nicht eine mögliche Verbündete ist, sondern eine Gefahr für die eigene Position.

fizkes/Shutterstock.com
Genau hier entsteht Konkurrenz statt Solidarität unter Frauen. Wir schauen dann nicht mehr darauf, was wir gemeinsam erreichen können, sondern darauf, wer mehr bekommt, wer weiterkommt, wer gesehen wird. Wir freuen uns manchmal weniger über den Erfolg einer anderen Frau, weil wir ihn als Beweis sehen, dass für uns selbst weniger übrig bleibt.
Dabei ist diese Vorstellung falsch. Der Erfolg einer anderen Frau bedeutet nicht automatisch unseren eigenen Verlust. Eine Frau, die eine Tür öffnet, kann dafür sorgen, dass andere Frauen leichter hindurchgehen können. Eine Frau, die sichtbar wird, kann anderen Frauen zeigen, dass auch sie sichtbar sein dürfen. Genau hier entsteht Solidarität.
Was ist das Queen-Bee-Syndrom?
Im Zusammenhang mit Konkurrenz unter Frauen wird häufig das sogenannte Queen-Bee-Syndrom genannt. Damit wird ein Verhalten beschrieben, bei dem einzelne Frauen andere Frauen eher behindern als unterstützen, besonders in Bereichen, die lange von Männern dominiert wurden. Aber auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Es geht darum zu verstehen, warum Menschen manchmal Verhaltensweisen entwickeln, die ihnen kurzfristig Schutz oder Vorteile bringen.
Wenn eine Frau gelernt hat, dass sie nur erfolgreich sein kann, wenn sie sich von anderen Frauen abgrenzt, kann sie dieses Muster weitergeben. Wenn sie erfahren hat, dass Anerkennung davon abhängt, nicht „wie die anderen Frauen“ zu sein, kann sie unbewusst genau diese Trennung verstärken. Vielleicht warnt sie auch die nächste Frau nicht, um sie kleinzuhalten, sondern weil sie selbst gelernt hat, dass Sicherheit darin liegt, nicht aufzufallen.
Manchmal wird eine Frau gelobt, wenn sie sich von anderen Frauen distanziert. Sie gilt dann als unkompliziert oder anders als „die anderen“. Doch diese Denkweise führt dazu, dass Frauen voneinander getrennt werden, anstatt gemeinsame Stärke zu entwickeln.
Genau deshalb ist Solidarität unter Frauen keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das bewusst entwickelt werden muss. Es bedeutet, zu erkennen, wann wir gesellschaftliche Maßstäbe übernommen haben, die Frauen gegeneinander ausspielen.
Warum werden Frauen manchmal selbst zu Hüterinnen alter Regeln?
Unterdrückende Systeme funktionieren nicht nur dadurch, dass eine Gruppe Macht ausübt. Sie funktionieren dadurch, dass Menschen innerhalb dieses Systems lernen, die Regeln weiterzutragen.
Frauen haben über viele Generationen gelernt, was passiert, wenn eine Frau aus der Reihe tanzt. Vielleicht kennen wir diese Geschichten auch aus unseren eigenen Familien: die Frau, die nicht geheiratet hat, die sich getrennt hat, die unverheiratet schwanger wurde, die zu laut war, die ihre Meinung gesagt hat oder die nicht in die Rolle gepasst hat, die man für sie vorgesehen hatte. Oft waren es nicht nur Männer, die diese Frauen kritisierten, sondern auch andere Frauen.

Jacob Lund/Shutterstock.com
Wenn eine Frau gelernt hat: „Eine Frau muss vorsichtig sein, sonst wird sie abgelehnt“, dann kann sie diese Botschaft an andere Frauen weitergeben.
In einer Welt, die über Jahrhunderte überwiegend von Männern gestaltet und geprägt wurde, war es für Frauen oft überlebenswichtig, sich an die Regeln der Mächtigen anzupassen. Wer dazugehören durfte, hatte bessere Chancen. Wer nicht auffiel, wurde seltener angegriffen. Wer sich von anderen Frauen distanzierte und zeigte, dass sie „nicht so ist wie die anderen“, erhielt manchmal Anerkennung, Schutz oder Vorteile.
Dieses Muster wirkt bis heute nach. Es erklärt vielleicht auch, warum manche Frauen schneller Verständnis für Männer aufbringen als für andere Frauen, warum sie die Frau infrage stellen, statt den Mann, und warum sie sich manchmal eher auf die Seite desjenigen schlagen, der gesellschaftlich mehr Macht besitzt. Nicht, weil Frauen Männern grundsätzlich näher stehen als Frauen, sondern weil viele von uns unbewusst gelernt haben, dass Zugehörigkeit zu den Mächtigen Sicherheit verspricht.
Hinzukommt, dass Strukturen, die Frauen klein halten, stärker werden, wenn Frauen sich gegenseitig misstrauen und ausspielen. Wenn wir miteinander beschäftigt sind, wenn wir uns gegenseitig bewerten und infrage stellen, verlieren wir Macht und können besser kontrolliert werden.
Doch wir leben nicht mehr in dieser Welt. Deshalb ist es wichtig, bewusst neue Formen des Umgangs miteinander zu entwickeln. Wir dürfen aufhören, die Frau neben uns als Risiko zu sehen und zu glauben, dass ihre Stimme unsere eigene schwächt. Solidarität unter Frauen bedeutet, nicht die alten Grenzen weiterzugeben, sondern neue Möglichkeiten füreinander zu schaffen.
Warum zweifeln wir statt uns zu unterstützen?
Neben gesellschaftlichen Mustern gibt es noch einen weiteren Faktor, der beeinflusst, warum Menschen in schwierigen Situationen nicht immer eingreifen: den sogenannten Bystander-Effekt. Damit wird beschrieben, dass Menschen weniger wahrscheinlich handeln, wenn andere Personen anwesend sind. Jeder wartet darauf, dass jemand anderes etwas sagt, jemand anderes hilft oder jemand anderes die Verantwortung übernimmt.
Dieser Effekt zeigt sich besonders deutlich in Situationen, in denen Menschen Zeugen von Ungerechtigkeit oder Übergriffen werden. Obwohl mehrere Personen anwesend sind, fühlt sich am Ende häufig niemand wirklich zuständig. Manche Menschen erkennen nicht sofort, wie ernst eine Situation ist. Andere sind unsicher, ob sie übertreiben würden, wenn sie eingreifen. Wieder andere wissen nicht, was sie sagen oder tun sollen.
Gerade bei Situationen, in denen Frauen Grenzen setzen oder von verletzenden Erfahrungen berichten, spielt auch die Angst vor der Reaktion anderer eine Rolle. Viele Frauen wissen, was passiert, wenn eine Frau sich gegen Ungerechtigkeit stellt. Sie wird schnell als schwierig, emotional, hysterisch, zickig oder kompliziert bezeichnet.

fizkes/Shutterstock.com
Aber genau deshalb müssen wir diesen Kreislauf bewusst durchbrechen. Solidarität unter Frauen bedeutet nicht, dass jede Situation einen großen Kampf oder Streit benötigt aber manche Situationen brauchen eine kleine Bewegung, ein Satz, ein „Ich habe gesehen, was passiert ist.“ Ein „Ich glaube dir.“ Ein „Ich stehe dir bei.“ Oder ein erhobener Zeigefinger. Manchmal bedeutet Solidarität, auch einfach einer Frau zu zeigen, dass sie nicht alleine ist.
Warum Männer oft gruppenloyaler wirken
Wenn wir darüber sprechen, warum Frauen sich manchmal weniger unterstützen, entsteht schnell der Eindruck, Männer würden grundsätzlich alles besser machen. Das wäre zu einfach, denn Männergruppen können ebenfalls ausschließen, abwerten und schädliche Dynamiken entwickeln. Aber es stimmt, dass viele Männer sozial stärker lernen, sich gegenseitig zu unterstützen, besonders in Bereichen wie Karriere, Netzwerken oder gemeinsamen Interessen. Viele Jungen wachsen mit der Botschaft auf: Sei Teil der Gruppe, halte zu deinen Freunden und unterstütze dein Team. Dieses Verhalten ist nicht angeboren. Es ist erlernt.
Frauen bekommen dagegen oft andere Botschaften, wie sei freundlich, sei beliebt, sei nicht zu viel, sei ja nicht zu laut und sei nicht zu dominant. Natürlich geht es jetzt nicht darum, jede männliche Gruppendynamik zu kopieren. Es geht darum, zu erkennen, dass Verbundenheit, gegenseitige Unterstützung und Loyalität keine Eigenschaften sind, die nur bestimmten Gruppen gehören.
Eine andere Frau erfolgreich zu sehen, bedeutet nicht, dass wir selbst weniger wert sind. Eine andere Frau zu verteidigen, bedeutet nicht, dass wir schwächer werden oder selbst zum Opfer werden. Eine andere Frau ernst zu nehmen, bedeutet nicht, dass wir jede Meinung übernehmen müssen. Genau darin liegt die Bedeutung von Solidarität unter Frauen: in der Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten und trotzdem füreinander da zu sein.
Wie können wir anfangen, etwas zu verändern?
Veränderung beginnt mit einer ehrlichen Frage: Wie reagieren wir, wenn eine andere Frau verletzt wurde, angegriffen wird oder von einer schwierigen Erfahrung erzählt? Ist unsere erste Reaktion Mitgefühl oder suchen wir zuerst nach einem Fehler?
Nicht jede Geschichte ist einfach und nicht jede Situation ist schwarz oder weiß und lässt sich sofort vollständig beurteilen. Trotzdem können wir lernen, zuerst zuzuhören, bevor wir bewerten. Solidarität unter Frauen bedeutet, Frauen nicht alleine zu lassen, wenn sie gemobbt, angegriffen oder verletzt werden.
Der erste Schritt zu mehr Solidarität unter Frauen
Der erste Schritt zu mehr Solidarität unter Frauen besteht darin, die eigenen übernommenen Muster zu erkennen. Wir müssen uns fragen, wann wir eine Frau strenger beurteilen als einen Mann. Wann wir von Frauen Perfektion erwarten, während wir Männern Fehler leichter verzeihen. Wir müssen uns fragen, wann wir eine andere Frau schneller beurteilen als unterstützen. Wann wir ihre Geschichte infrage stellen, bevor wir überhaupt versucht haben zuzuhören.
Um diese Muster zu lösen, müssen wir uns erlauben, andere Frauen nicht als Bedrohung zu sehen, Stärke bei anderen Frauen anzuerkennen, ohne sie mit unserer eigenen Stärke zu vergleichen und Verbindung statt Konkurrenz zu wählen. Denn wenn wir beginnen, andere Frauen nicht mehr durch die alten Maßstäbe zu betrachten, entsteht etwas Neues: die Möglichkeit, uns gegenseitig wirklich zu sehen.

Halfpoint/Shutterstock.com
Es bedeutet, bewusst anders zu handeln. Wenn eine Frau angegriffen, verletzt, bedroht oder unfair behandelt wird, warten wir nicht darauf, dass jemand anderes etwas tut. Wir können selbst einschreiten, darauf aufmerksam machen oder Hilfe holen. Wenn eine Frau eine Chance bekommt, können wir sie unterstützen, statt sie als Konkurrenz wahrzunehmen. Wenn eine Frau ihre Geschichte erzählt, können wir zuhören, statt zu urteilen.
Fazit: Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht: Warum halten Frauen nicht zusammen?
Vielleicht ist die wichtigere Frage: Welche Erfahrungen und Strukturen haben dazu beigetragen, dass Solidarität unter Frauen nicht immer selbstverständlich ist? Frauen sind keine natürlichen Konkurrenten. Wie Menschen miteinander umgehen, wird geprägt durch das Umfeld, in dem wir aufwachsen, durch Erwartungen, Rollenbilder und die Frage, wer wie viel Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit großen Bewegungen. Vielleicht beginnt sie in kleinen Momenten: wenn wir einander glauben, wenn wir Unterstützung anbieten, wenn wir nicht vorschnell urteilen, nicht wegsehen und wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu handeln.
Vielleicht geht es am Ende nicht darum, dass Frauen „lernen müssen“, zusammenzuhalten. Vielleicht geht es darum, Bedingungen zu schaffen, in denen Solidarität wachsen kann. Denn wir sind keine Konkurrenten. Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Geschichten und gemeinsam können wir mehr bewegen.
Titelbild: Jacob Lund/Shutterstock.com

